#Terrorismus: Wie sich Paris seit dem 13. November verändert hat…

Ohne Zweifel, seit den Terroranschlägen im Januar und insbesondere Mitte November letzten Jahres ist Paris nicht mehr so, wie zuvor. Die Menschen und die Stadt haben sich verändert. Wenngleich uns auch ein paar Monate später weitestgehend wieder der Alltag eingeholt hat und die Bilder der Anschläge nicht mehr allgegenwärtig sind, braucht es nicht viel, um sie wieder in Erinnerung zu rufen.

Kurz nach den Anschlägen waren viele Geschäfte und öffentliche Einrichtungen erstmal geschlossen, bis genauer definiert war, wie die Regierung auf die Ereignisse reagieren würde. Man sah überall Polizei und Sicherheitsleute, hörte Sirenen. Vor unserem Kindergarten sorgte zwei Wochen nach den Attentaten ein vor dem Haupteingang liegengelassenes Päckchen für Großalarm bei Polizei und Feuerwehr: Straßen wurden sofort gesperrt, den Eltern der Einlass mit ihren Kinder untersagt und der Kindergarten bis zur Entwarnung geschlossen. Zum Glück handelte es sich um einen Fehlalarm. Aber was wenn…? Und wie Ruhe bewahren, oder zumindest den eigenen Kindern Ruhe suggerieren, ist man doch in ständiger Alarmbereitschaft?

Morgens, wenn ich meinen Sohn zur Schule und meinen Kleinsten in die KiTa bringe, erinnern mich die Warnhinweise an den jeweiligen Eingängen an den „Plan Vigipirate“ – den Sicherheitsplan, der seit den Anschlägen überall vorgesehen ist: Keine unbekannten Personen ins Gebäude lassen, sich vergewissern, dass immer alle Türen hinter uns zufallen, abgesagte Schulfeste, Vermeidung von Menschenansammlungen vor Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden heißt es da untere anderem. In unserem Bezirk wurden alle Mülleimer versiegelt und durch transparente Ersatzmüllsammler ersetzt, Taschenkontrollen an Ladeneingängen, Einkaufszentren, Jacke öffnen, Abtasten und Abscannen durch Securities, wenn man ins Kino oder Museum möchte, sind allgegenwärtig genauso wie verspätete oder gecancelte Züge aufgrund herrenloser Gepäckstücke…. An Bahnhöfen und Flughäfen oder auch morgens in der RER laufen schwer bewaffnete Militärs an mir vorüber – bereit im Ernstfall ihre Maschinengewehre zu gebrauchen. Auch wurde ich Zeugin, als in der Metrostation Denfert Rochereau wie aus dem Nichts plötzlich überall Polizeibeamte auftauchten und einen Mann in Gewahrsam nahmen. Was dieser sich zu Schulden kommen ließ, kann ich nicht sagen. Aber die Aktion zeigt, dass wir unter Beobachtung stehen.

Es handelt sich bei allem um Versuche, mögliche Sicherheitslücken zu schließen. Doch was bringt dies wirklich? Und wieder die Frage: was, wenn es uns doch erwischt? In der RER, auf offener Straße, im Kino? Es geht mir dabei nicht besonders um mich selbst, sondern in erster Linie um meine Kinder. In welcher Welt wachsen sie auf? Was wäre, wenn uns als Eltern etwas zustieße und meine Kinder ohne uns aufwachsen müssten? Wie gehen nur die Familien in Krisengebieten mit ihrer weitaus noch schlimmeren Situation um? Fragen, die mich vor den Attentaten eher selten beschäftigten…

Die Anschläge haben nicht nur die Sicherheitsvorkehrungen eines ganzen Landes verschärft, sondern auch die Menschen verändert. Viele haben Angst, sind misstrauischer gegenüber Mitmenschen, die offen ihren Glauben ausleben. Ich selbst habe mich auch schon dabei ertappt erleichtert aufzuatmen, als eine mit gesenktem Blick von Kopf bis Fuß verschleierte Muslimin begleitet von ihrem langbärtigen Ehemann den Zug verließ. Ich bemerkte, wie einige andere Fahrgäste verstohlen Blicke austauschten, die so viel sagten wie „arme Frau“ oder „Gott sei Dank“. Populistische Parteien gewinnen immer mehr Anhänger. Viele werden als „potentieller Attentäter“ eingestuft. Das ist die eine Seite. Eine andere sind aber auch Menschen, die zuvorkommender und hilfsbereiter sind. Menschen, die sich auf der Straße anlächeln, einfach so. Oder den Platz neben sich im Café freiräumen. Viele reagieren gelassener auf die Hektik der Stadt. Die Anschläge haben die Franzosen auch solidarischer untereinander gemacht. Und in gewisser Weise stärker. Anders als zum Beispiel die Deutschen, haben Franzosen ein sehr starkes Nationalverständnis. Dass die Nation selbst zur Zielscheibe wurde, dass die persönliche Freiheit angegriffen wurde, wird nicht akzeptiert. Jetzt erst recht, sagen sich viele und füllen wie trotzig weiter die Caféterrassen, Konzertsäle und Fußballstadien…

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One comment on “#Terrorismus: Wie sich Paris seit dem 13. November verändert hat…”

  1. Andy sagt:

    Liebe kissesfromparis,

    wir waren selbst kurz nach der Anschlagsserie im November in Paris. Die Reise war schon lange vorher gebucht gewesen und wir wollten sie dann nicht mehr absagen. Wir sind mit einem sehr mulmigen Gefühl mit unseren beiden Töchtern hingefahren und die Vorweihnachtszeit dort konnten wir gar nicht mehr so richtig geniessen. Wir du in deinem Artikel beschrieben hast, wurden wir überall kontrolliert und abgescannt. Richtig sicher fühlten wir uns dadurch aber trotzdem nicht. Und was wir auch ganz schrecklich fanden: unter dem Eiffelturm die Armee mit Maschinengewehren. Leider sind wir mit einem ganz mulmigen Gefühl auch wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Wir hatten schon irgendwie bedenken, ob die Reise im Flieger ohne Vorkommnisse vorübergehen würde. Auch wenn es paradox klingt, aber wieder daheim fühlten wir uns irgendwie schon sicherer. Wahrscheinlich weil es bis dahin noch keine derartigen Anschläge wie in Frankreich gegeben hat – was sich ja nun auch schon geändert hat. Erst jetzt begreifen wir ein bisschen, wie sich die Franzosen wohl fühlen müssen. Es ist nicht einfach, keine Angst zu zeigen, keine Vorurteile zu haben und sein Leben „normal“ weiterzuführen. Das, was die Franzosen nach den Anschlägen auf die Beine gestellt haben an Friedens- und Gedenkmärschen finde ich wirklich toll. Alles Gute euch weiterhin und viel Mut und Kraft!

    Andy

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