Zeit nehmen und schenken – ja, das geht!

Die Frage, die uns allen derzeit am häufigsten gestellt wird, dürfte wohl folgende sein: was wünscht ihr euch denn eigentlich zu Weihnachten? Klar, da gibt es natürlich schon ein paar Dinge, die wir uns über das Jahr hinweg zu diesem Anlass aufgehoben haben. Zum einen wäre da etwas für die Wohnung. Und ein neues Fahrrad stünde da auch auf dem Zettel, genauso wie Konzerttickets. Nützlich wäre auch ein neuer Wasserkocher…. Aber eine Sache, die doch wohl Vielen von uns so wirklich fehlt und die wir doch ganz dringend brauchen könnten, wäre doch eigentlich „Zeit“, oder? Unmöglich? Zunächst denkt man natürlich, dass man so etwas immaterielles wie Zeit doch gar nicht schenken kann! Vor allem, da müsste man ja selber erst einmal welche haben… Aber wenn man mal etwas länger drüber nachdenkt, dann ist das gar nicht so unrealistisch…

Dem Gedanken geht eine paradoxale persönliche Erfahrung voraus. Als ich vor ein paar Monaten noch keinen blassen Schimmer von Meditation hatte, fühlte ich mich so, als würde ich der Zeit nur noch hinterherrennen. Ständig war ich damit beschäftigt, vorausschauend zu denken, Dinge zu erledigen, zu organisieren und Listen zu schreiben, aber trotz aller Anstrengungen schaffte ich es niemals wirklich mit allem fertig zu werden. Immer wieder kam etwas neues auf die ToDo-Liste. Während ich gerade dabei war, die eine Sache zu erledigen, war ich gedanklich schon bei der nächsten, wenn nicht sogar schon bei der übernächsten. Und irgendwann beherrschte mich das Gefühl, als würde das Leben an mir vorbeiziehen.

Dann fand ich mich Mitte September in meinem ersten MBSR Meditationskurs wieder, initiiert von einer Bekannten. Niemals hätte ich je gedacht, dass nach diesem ersten Kurs etwas so Kleines und Unscheinbares wie zwei Rosinchen, so nachhaltig mein Leben und meine Sichtweise auf Dinge verändern würden.

Die erste Meditationsübung bestand darin, auf ganz intensive Art und Weise mit allen Sinnen zwei Rosinen zu erkunden, so als käme ich vom Mars und würde sie zum aller ersten Mal in meinem Leben sehen. Die Übung, die vom neugierigen Betrachten der Rosinen auf meinen Handflächen, über deren Entdeckung durch abtasten, quetschen, vergleichen, gegen das Licht halten bis hin zum ganz langsamen Verzehr (einer neuen Rosine) reichte, dauerte beinahe eine Viertelstunde. Noch nie im Leben hatte ich auf diese Weise eine Rosine betrachtet und gegessen.

Heute, drei Monate später, habe ich diese gesteigerte Aufmerksamkeit gegenüber Dingen, Handlungen, Speisen usw. so häufig wie möglich in meinen Alltag integriert. Meine abendliche Dusche führe ich nicht mehr im Autopilotenmodus, sondern ganz bewusst durch. Beim Zähneputzen schweifen meine Gedanken nicht mehr durch die Gegend, sondern sind da, im Hier und Jetzt. Sogar beim Wäsche bügeln spüre ich bewusst der Wärme des Bügeleisens auf der Wäsche nach, falte sie aufmerksamer zusammen und verstaue sie mit Bedacht in den Kleiderschränken. Es ist, als hätte ich die Langsamkeit (wieder-)entdeckt. Das paradoxe hierbei: je mehr Zeit ich mir für Dinge nehme, desto intensiver lebe ich und desto mehr Zeit habe ich (scheinbar) zur Verfügung. Ich fühle mich ausgeglichener und energiegeladener. Entgegen meiner früheren Einstellung, alles beschleunigen zu müssen, um möglichst viel zu schaffen und die Zeit effizient auszufüllen, im Glauben, sie renne mir sonst davon, bin ich nun dabei, zu „entschleunigen“, also langsamer und intensiver meinen Alltag zu meistern.

All denen, die (so wie auch ich noch vor kurzer Zeit) wenig mit Meditation am Hut haben, oder auch sonst diese Erfahrung des ganz bewussten Tun und Seins fehlt, mag mein Text nun sehr befremdlich erscheinen. Vielleicht fragt sich der eine oder andere nach dem Sinn, Dinge, die doch eigentlich überhaupt keinen Spaß machen, wie Putzen oder Wäsche falten, intensiv durchzuführen. Am liebsten will man doch diese unangenehme Aufgabe so schnell wie möglich hinter sich bringen. Und genau hier kommt es: das so schnell wie möglich hinter sich bringen! Leider nehmen wir uns für so viele Dinge im Leben nicht mehr die nötige Zeit. Telefon, Emails, Internet und Soziale Netzwerke sorgen dafür, dass wir ständig erreichbar und auf Abruf sind. Bevor News zu „Schnee von gestern“ werden, wird sofort kommentiert, geliked, weitergeleitet. Auf der Arbeit wird unsere Aufmerksamkeit ständig von einer Tätigkeit auf eine andere gelenkt, Mittags reicht es gerade mal für ein Sandwich, den Blick weiter auf den Bildschirm gerichtet. Geshoppt wird per One-Klick, in der Bahn ist der Blick auf das Handy gerichtet, abends zu Hause fallen wir erschöpft auf das Sofa und schalten uns durch das Fernsehprogramm, das Tablet dabei auf dem Schoss. Das Zappen von einer zur nächsten Tätigkeit, Abrufbereitschaft und ständige Erreichbarkeit füllen, wenn wir ehrlich zu uns sind, unseren kompletten Alltag aus. Und ehe wir uns versehen, sind ein ganzer Tag, ein ganzer Monat, oder gar Jahre an uns vorbei gezogen. So als wären wir per Autopilot gesteuert. Irgendwann aber merken wir vielleicht, dass es uns an Zeit für die wichtigen Dinge im Leben fehlt: Familie, Freunde, Sport, ein Hobby… Wir fühlen uns unausgeglichen, unzufrieden.

Erzähle ich meinen Bekannten von meinen Meditationserfahrungen und wie sich seither mein Leben positiv verändert hat, finden das alle super. Aber wenn ich sie auffordere, es doch selbst auszuprobieren, kommt immer die selbe Antwort: es fehle einem an der nötigen Zeit dafür! Dabei ist alles eine Frage der Prioritäten. Wäre es rein nach der mir zur Verfügung stehend Zeit gegangen, hätte ich mich weder in den Abendsport- noch in den Malkurs eingetragen. Stattdessen wäre der Haushalt abends dran gewesen, oder ich hätte den Abend (und das sicher ganz unaufmerksam) vor dem Fernseher, YouTube oder dem PC verbracht. Aber ich wollte, dass sich mein Leben ändert. Ich wusste, dass sich etwas ändern muss, dass ich Zeit für mich benötige, um mich besser zu fühlen, wieder da zu sein, auch für die Familie. Jetzt nehme ich mir Zeit. Zeit für mich, Zeit für die Meditation, Zeit für ein Hobby, Zeit für Sport. Und ich schenke Zeit: meinen Kindern, Freunden und der Familie – und zwar indem ich gemeinsame Momente wirklich, ganz bewusst und aufmerksam mit ihnen verbringe. Jetzt, nach über drei Monaten (fast) täglichem Training, habe ich wieder gelernt, „mit allen Sinnen“ durch den Tag zu gehen.

Es geht also doch: sich Zeit nehmen und es bleibt selbst noch soviel davon übrig, davon anderen zu schenken 😉

Was meint ihr? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Wer interessiert sich auch für das Thema Meditation? Und wer hat es schon ausprobiert? Ich würde mich sehr über eure Erfahrungsberichte freuen.

Hier noch eine Buchempfehlung für alle, die auch gerne mit MBSR anfangen möchten:

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3 comments on “Zeit nehmen und schenken – ja, das geht!”

  1. Maxi sagt:

    Interessanter Artikel… Grüsse aus Deutschland

    1. Karo sagt:

      Danke Dir Max – habe grade gar keine Zeit mehr für meinen Blog 🙁 Ich müsste mir selber mal wieder den MBSR-Artikel zu Herzen legen. Zur Zeit besteht meine Woche nur aus Metro – Boulot – Dodo
      LG aus Paris – Dein Tantchen

  2. Im mbsr sind diese Methoden allerdings nicht mehr an irgend eine weltanschauliche Idee gebunden, sondern werden vollig losgelost von religiosen Motiven oder Anschauungen angewandt und genutzt. Mbsr integriert Erkenntnisse der Stressforschung, Ergebnisse der Meditationswissenschaft sowie Aspekte aus Verhaltensmedizin und Kommunikationspsychologie zu einem wirkungsvollen Training.

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